Riskante Bezüge

Wenn die Gedanken nicht zum Sofa passen

1 

bin nicht ich
dein Schmerz
ist ein anderer
als meiner

und wir wählen nicht, wen wir lieben
und wann wir stark sein müssen
ich gebe das Kämpfen auf
irgendwas ist anders


zehndreißig
die erste Mahlzeit
sollte eine warme sein


2

ich werde in deinem Schmerz zerrieben
und liebe trotzdem was ist
ohne Prognose

ich kann auch mit schmalen Mitteln
ein Fest ausrichten


3




4

ihm zuhören
bis uns schier die Organe bersten

wie schön ihr seid
müffelndes Glück
geschmolzen, ganz weich
wunderschön

du willst das nicht
und tust es doch


5

ein wohlwollender Blick

ich dachte es ginge
tut es aber nicht:
Distanz und störrische Poesie

das Material
spricht, schweigt, erträgt

architecture of invisible tears

nach zehn Stunden
entledige ich mich meiner Boots


6

während
die Melancholie
uns mit ihrer fragilen Schönheit überrollt.


7




8

rohes, störrisches Geheimnis

zurück hinaus in den Sturm
die Sinne wach
das habe ich nicht geahnt
kein Halt, auch nicht dort

finally begreife ich


9

raus aus diesem immer währenden Ausnahmezustand


10

Wasser, das als erstes
und Heizung an


11

auf dem Sprung
nicht zwingend in Bewegung
Zwischenräume, unbestimmt und


12

zollfrei

Adieu, ordnende Kräfte!

wie erinnern wir
die kleinen Gesten?


wäre ja eigentlich einfach
nicht dran gedacht
es vergessen und jetzt
jetzt geht es


ich bin so menschlich
es ist kaum zu ertragen


13




14

diese zartrosa
dunklen Momente
am Morgen
Stille irgendwie
und Autoreifen
auf nassen Straßen
Gemurmel aus der
Wohnung unten und

ein Großwild, das sich
phänomenal gut hinter
kleinsten Büschen oder
Vorsprüngen verschanzt

ich bewege mich
in Traditionen, die ich
nicht immer kenne


und ich verweigere mich der timeline


15

trau mir was zu

zerbrechlich bin ich, aber auch
stark, weil ich mir erlaube, verletzlich
zu sein, Phoenix zu sein, aufzuerstehen
aus jedem Feuer, das mich zerreißt.


die Zyklen rollen
jede Sekunde zählt und
ist dann doch wieder egal


16

kassandrische Visionen von
nie mehr wahrscheinlichen Berührungen
erdige Gerüche, Stille und Verstiegenheit
ich hab mit dir etwas riskiert
schrullig und echt
zu anderen Schlüssen


17

Manches Mal ist
Schweigen das einzige,
das kraftvoll genug
erscheint, in einem
Sturm für etwas Ruhe
zu sorgen.

manchmal sind die Worte
aufgebraucht
klebrig und zäh
wenn überhaupt


18

Merkt ihr denn gar nicht,
wie laut schon eure Stille
ist?

Du bist sogar laut,
wenn du nichts sagst.


say hello
wave
goodbye


19

das wusste ich schon

alles ist eine Praxis
auch das Nichtsterben im November
zwingt zur Sorgfalt


kurzatmige
verstauchte
gebrochene
Organe

da liegt ein Surfbrett vorm Fenster


20

das Ende auch
in transit
lost dort
in fremden Hoheitsgebieten

Auspacken,
und Kaffee

mein Leib erinnert sich
wie es richtiger ginge
ich hab noch dieses Weingefühl:
Echo just vergossener Worte


was tut man, wenn
man nicht weiter
weiß? Man bleibt
stehen und orientiert sich
galoppi


21

steige in die falsche Richtung der Woche

kalt und
einsam und
dunkel und
Tuffstein

mit unscharfen Grenzen
in unseren Impulsen wird das
Eigenleben unseres Daseins sichtbar


im Wimpernschlag
zwischen zwei Augenblicken
für den einen Moment
mit kurzer Blindheit geschlagen

Pausen,
in denen nichts passiert
und die Stille, die einen
Raum bildet
dort, wo das Risiko wohnt, und ach, das Abenteuer

each fucking november


22

fahlgelbes Winterlicht

teilenhaltenküssenbegehren
im Gleichgewicht
riskante Bezüge
pulsieren


Ich weiß noch wie
ich einmal erstaunt
feststellte, dass ich beim
Schwimmen schwitzte.

Wenigstens
habe ich mir
die Wärme bis ins
Bett bewahrt.


23

teures Vergnügen
beruht auf Gegenseitigkeit
in somatischen Spiralen
und inneren Klammern

unerhört
oh wow

Mal sehen, ob wir
einander in Zukunft noch eine Weile
begleiten wollen und können


24

stattdessen Tierarzt
und Alltagsfragen
Brote schmieren


Man weiß nicht,
wo das eigene
Fleisch beginnt in dem
geschwollenen Druck.


der Versuch möglichst
leise zu sein von vorn
herein gescheitert:
das überforderte
Seufzen müder Gehirne

Euer flüsternder Singsang
ist noch das leiseste
hier.


25

wie so eine Anfängerin
verschlucke ich mich beim Hochziehen
am eigenen Rotz


Ich dringe in dich ein,
scheint mir, ungefragt:
Löwenzahngeschäft


du wirst porös


26

Ich begegne der Welt
mit einer Zärtlichkeit
die ich mir selbst ver
wehre.


27

Non-Performanz
im weißen Raum

blaustichig
gelbstichig
beige
grau
in rot

Hast dus gut?


28

Triebe also, schambehaftet
so ein Zivilisationsprozess will
dass wir Opfer bringen

denn das ist auch Realität


und nur
mein Körper wird sich erinnern

die alte Katze ist krank


29

zärtliche Radikalität


30
raus aus der Komfortzone
weil es mir schlicht Lust
bereitet und keine kleine:

die logische Übersetzung des Heiligen
Eros in postmoderne Ideenwelten


Mehr Seide!
Warum haben wir so
wenig Seide in unserem Leben?
Du bist wie Seide, wie
Seide bist du irgendwie,
Sehnsuchtsmaterial.

aus: What’s left of November, Doppelpublikation anlässlich der Ausstellung in situ im Elsa Artspace Bielefeld 2025