Kink als poetische Praxis
(Vortrag über meine Arbeit auf der CoK-Konferenz am 30.5.26 in Berin)

Mein Hauptinteresse gilt dem menschlichen Körper, den unsichtbaren Kräften, die in ihm wirken und wie sie oder ihre Abwesenheit sich auf eine Situation auswirken.

In meiner Arbeit betrachte ich Menschen und Orte und untersuche Themen wie Verletzlichkeit und Gelüste, Durchlässigkeit und Zerfall auf ihre ästhetischen Qualitäten.

Mich interessiert, wie wir Gewusstes und Erinnertes bewahren und mitteilen, als Gesellschaft und als Einzelpersonen. Ob ich mich einem Thema zeichnend oder schreibend nähere, macht strukturell dabei für mich keinen großen Unterschied.

Mit der Absicht, alle meine Lebensbereiche mit der Kunst zu verflechten, habe ich vor etwa sieben Jahren begonnen, auch im Kontext meiner erotischen Begegnungen zu zeichnen. Mein Archiv der field recordings macht einen ganz wesentlichen Teil meiner künstlerischen Arbeit aus und umfasst heute mehr als 1500 Zeichnungen und ganz frisch gibt es ein Buch mit einer Auswahl aus diesem Archiv.
Als anfing, fragte ich mich: wie kann ich Bilder erzeugen, die sowohl eine interessante künstlerische Qualität haben wie auch das Rohe und Intensive bewahren, das wir im BDSM explorieren? Wie kann ich Bilder erzeugen, die weder schamhaft sublimiert sind noch auf pornografische Verwertbarkeit abzielen und ohne dabei heteronormative Tropen oder Ideen vom „Künstlergenie“ zu wiederholen:
„gegen eine herrschsüchtige, kontrollierende Visualität, die dem Rationalisierungs- und Entfremdungsprozeß der Moderne entspricht“
– wie es Friedrich Teja Bach in seinem Aufsatz Zeichnen als Berühren formuliert.

Scham und Objektivierung basieren auf Distanz. Ich hebe also die Distanz auf, weg von der Idee einer objektiven Betrachterperson hin zu einem persönlichen Involviertsein, zu einem Spüren und einem in Beziehung treten. Dabei haben mich drei Bücher besonders inspiriert:
- Avgi Saketopoulou: Sexuality Beyond Consent. Risc, Race, Traumatophilia, New York 2023
- George Bataille: Der Heilige Eros. Mit einem Entwurf zu einem Schlußkapitel, Frankfurt/Main 1986
- Linda Knight: Inefficient Mapping. A Protocol for Attuning to Phenomena. New York/Santa Barbara 2021
Mit Avgi Sakteopoulou denke ich über einen fürsorglichen Sadimsus nach, und wie dieser, sowie ihre Konzepte der Überwältigung und Traumaphilie, uns dabei helfen, Schmerz und Heilung anders zu denken; dass wahre Befreiung möglicherweise erfordert, genau jene Strukturen zu konfrontieren und zu demontieren, die uns an den Schmerz binden.
George Bataille verortet die Erotik im Bereich des Heiligen und des Tabus. Mit ihm denke ich Erotik als transgressive und rituelle Praxis, die außerhalb des Alltäglichen steht. Linda Knight schlägt dekoloniale und respektvolle Praktiken des Kartografierens vor, die weder besitzergreifend noch auf eine ressourcenorientierte Auswertung aus sind. Indem wir uns durch diese auf eine Art protokollierendes Lauschen einlassen, erzeugen wir ästhetische Gefüge, die eher poetisch zu uns sprechen.

Neben den üblichen Requisiten und Herangehensweisen gehören für mich Bleistift und Papier als Werkzeuge der Lust in jede Begegnung. Ich werde zum Seismografen und verzeichne blind und intuitiv, wenn mir etwas interessant erscheint und kartografiere so die somatischen Plattenbewegungen der beteiligten Personen, ihre Gelüste und ihre Verletzlichkeiten, die immer auch meine sind.
Meine Methode ist inspiriert von Ideen der Feldforschung und des field recordings, von Achtsamkeit und Gegenwärtigkeit, wie sie im Zen-Buddhismus und im Taoismus gelehrt werden. Ich stelle Bedingungen her, unter denen ich durch meinem Körper zu einer Art Kurvenschreiber werde und möglichst wenig kontrolliert aufzeichne, was ich wahrnehme, in dem ich z.B. blind zeichne (also ohne auf das Blatt zu schauen) oder Techniken wie das automatische Schreiben nutze. Immer geht es dabei darum, die Sinne maximal der Gegenwart zu öffnen und möglichst ungefiltert aufzunehmen, was gerade passiert um die Intensität des Moments einzufangen, zu kartografieren und zu inventarisieren, ohne dabei in koloniale Praktiken des Eingriffs und des Ausnutzens zu verfallen.

Meine Aufzeichnungstechnik gleicht einem Schreiben, und die entstehenden Zeichnungen werden zu Zeichen, die gelesen und erkundet werden wollen, wie der Körper vielleicht, dem ich erotisch begegne.
Wie kann Kink zu einer poetischen Praxis werden? Für mich sind dabei zwei Lesarten des Wortes »poetisch« wichtig: einmal Poesie als literarische Form und einmal als Schürfen am Übergang von Bild zu Sprache, von Unbestimmtheit zur konkreten Form.

Nicht jeder Moment lässt sich kohärent und in Form einer linearen oder strukturierten Erzählung wiedergeben und poetische Erzählformen erlauben eher ein Nebeneinander von Eindrücken, die sich dann zu einem Gesamtbild verdichten. Ich suche nach Bildern, die wiedergeben, was in kinky sessions passieren kann, wenn wir uns oder vielmehr unser Ego für eine kurze Weile in unserer Lust und der Intensität auflösen.

Poesie beschreibt zudem den Übergangsbereich zwischen noch nicht gewusstem und bewusstem, zwischen Schatten und Licht. Kink ist eine Möglichkeit, die Schattenbereiche unseres Innenlebens zu erkunden, sie sichtbar und mitteilbar zu machen, ihnen Bedeutung zu verleihen. In diesem Randbereich erzeugt die Poesie eine sich der Sprache entziehende oder über sie hinausgehende Wirkung. Sie markiert den Übergang von Spüren zu Verstand, dort wo aus Symbolen Begriffe werden.

Gerade dieser Teil noch ungesicherten Wissens ist besonders interessant: die Formen sind noch nicht festgelegt oder normiert, sie sind porös und osmotisch, es entsteht ein Möglichkeitsraum, Formen und Dinge anders zu denken.

Hier ist Platz für alles scheinbar Irrationale und vermeintlich Queere, die hier keine eben genau Abweichungen darstellen, sondern elementarer Bestandteil dessen sind, was wir als poetisch bezeichnen.